Computerfortschritt, gestern und heute
Ich halte ja nichts von den Wunderversprechen, die bei künstlicher “Intelligenz” schnell angebracht werden. Es werde alles revolutionieren, es ist eine neue Ebene der Abstraktion, blablabla.
Ich musste aber dieser Tage darüber nachdenken, dass es in den 80ern/90ern ähnlich zuging, als es um Computer - speziell Personal Computer - ging, und da war ich auf der “anderen Seite”. Ist das einfache eine Alterssache, und mittlerweile gehöre ich zu den Leuten, denen es an Phantasie über die neue Zukunft mangelt? Ich glaube nicht.
Mein Argument gegen K"I" deckt sich mit dem für “Personal” Computer, die Frage, die mich bei Bewertungen von Technologie leitet, ist folgende: Bietet die neue Technologie zusätzliche Freiheit für den Nutzer?
Handlungsfreiheit durch den PC
Der Personal Computer (ebenso schon der Home Computer, aber in, zugegebenermaßen, beschränkterem Umfang) ermöglichte Nutzern, Dinge zu tun, die vorher Spezialisten vorbehalten waren, und wenn man die Kiste mal hat, kann einen niemand mehr hindern. Wenn Nutzer mit Personal Computern eine Revolution planen wollen, können sie das: Los gehts!
Es wurde möglich, für wenig Geld eigene Publikationen zu erzeugen, vom Flugblatt bis zum Buch (naja, meist: Heft). Es wurde wesentlich einfacher, eigene Geräte zu bauen, von der Konstruktion mit 3D-Printern bis hin zur Elektronik basierend auf Standardteilen, die so viel “überschüssige” Leistung haben, dass man für eigentlich alles nen billigen Chip findet, dem man nicht ansieht, wofür er benutzt werden wird. Es wurde möglich, günstig international zu kommunizieren. Es wurde möglich, sich umfassend zu informieren (wobei die Prüfung von Quellen, auch wenn vorher schon wichtig, umso dringender wurde). Es wurde möglich, geheim zu kommunizieren. Es gab das Postgeheimnis, aber das war schon immer mehr Ideal als Realität.
Es geht mir dabei nicht darum, dass ich 80 Millionen Revolutionen in Deutschland haben will, aber für eine Art “Grenzwertbetrachtung”, was mit Computern in Extremfällen möglich wäre, finde ich das Szenario durchaus hilfreich.
Handlungsfreiheit durch K"I"
Diese Systeme produzieren schnell nett klingende Texte, die sich manchmal sogar an der Realität orientieren. Gut, genug gedisst - angenommen, die Systeme würden immer ordentliche Antworten geben: Welche Möglichkeiten eröffnen sie?
Ich kann schnell viel Information miteinander verknüpfen lassen und ein fehlerfreies System würde auch brauchbare Schlüsse daraus ziehen. Sprich: ich könnte schneller denken - nein, denken lassen, denn das übernimmt die KI (das hypothetische korrekt arbeitende System kommt ohne Anführungszeichen um die Intelligenz aus).
Und da gehen die Probleme los: Denken muss trainiert werden, bei geringer Aktivität nimmt die Leistung auch wieder ab. Und noch schlimmer: Es ist nicht absehbar, dass diese Systeme “personal” werden können, wie es bei Computern der Fall war. Sie sind derart gigantisch aufgezogen, dass sie Investitionen im Multimilliarden-Euro-Bereich benötigen, allein für die Hardware. Computer waren auch mal groß wie ein Raum, brauchten den Strom einer Kleinstadt und kosteten ein Vermögen, und das wurde auch besser.
Der Unterschied ist: Es war schnell klar, dass sich alle diese Probleme durch Miniaturisierung lösen ließen. Kleinere Elektronik braucht keinen ganzen Raum mehr (klar), braucht weniger Strom (nicht ganz so klar, aber als Analogie: wenn zwei wasserbetriebene Geräte dasselbe tun, aber einen Größenunterschied von Faktor 10 haben, welches braucht weniger Wasser?), und wurden billiger (weniger Material, mehr “Produkt pro Fläche”, was bei den Produktionsverfahren relevant ist).
Von circa 1970 bis circa 1980 wurden die Strukturen ungefähr auf 1/10 verkleinert (von 20µm auf 1.5µm). Die nächsten 1/10 brauchten 20 Jahre (2001: 0.13µm = 130nm), die nächsten 1/10 waren nach 13 Jahren erreicht (2014: 14nm), wir sind nach 12 Jahren beim ungefähr nächsten 1/10 (2025: 2nm, 2027: 1nm) und dann wird es eng, weil wir uns jetzt in der Größenordnung einzelner Atome bewegen: sehr viel kleiner wird es einfach nicht.
Bei K"I" ist nicht absehbar, welcher Skaleneffekt dabei helfen könnte, das Problem handlicher zu machen. Zur Zeit ist geht der Trend eher in “Rechenzentren, die so viel Strom verbrauchen wie Manhattan”.
Wenn man versucht, mit solch einem System eine Revolution zu organisieren, ist sie schnell vorbei: Der Betreiber sieht genau, wofür du das System benutzt, sperrt dein Konto, nichts geht mehr. Außer, dass in einer Stunde ein SEK im Wohnzimmer steht.
Geschäftsmodelle
Damit noch ein Abstecher zu den Geschäftsmodellen, und wessen Interessen da zusammengehen oder auseinander laufen.
Beim PC ist das Geschäftsmodell einfach: neue Geräte können irgendwas neues, sind irgendwie schneller, leistungsfähiger, und so weiter, so dass Leute sich neue Computer zulegen. Und selbst wenn nicht, ewig halten die Dinger ja auch nicht. Der Markt ist etwas abgekühlt, man kommt heute noch gut mit 15 Jahre alten Rechnern klar, das wäre vor 15 Jahren, als sie auf den Markt kamen, noch nicht so gewesen, aber das Grundprinzip funktioniert immer noch genauso.
Ich frage mich ja, ob der Prozessorzwang in Windows 11 eine Hilfeleistung für “darbende” Hardwarehersteller sein sollte. Als positiver Effekt haben sich die einen oder anderen stattdessen überlegt, ob sie nicht lieber ihre Hardware behalten und stattdessen von Windows 10 auf Linux umsteigen.
Das Geschäftsmodell bei K"I" ist das, was Ida Auken’s Essay, das im Kontext einer Veranstaltung des World Economic Forums entstanden ist und diesem nun gern verschwörungsmythisch zugeschrieben wird, schon im ursprünglichen Titel andeutete: “I own nothing, have no privacy, and life has never been better”. Eine “Sharing Economy”, bei der geliehen wird, was man gerade braucht.
Du willst die K"I" etwas fragen? Klar, kostet 0,01€ (oder was auch immer) pro Frage. Das ist bezahlbar, “ich stelle mir Hardware für 5 Milliarden Euro in den Garten” ist es nicht. Aber wie im Essay-Titel schon erwähnt, der Eigentümer des Systems weiß genau, was du tust. Und (nicht so deutlich genannt): kann es unterbinden, wenn es gegen dessen Interessen geht.
Dieses Geschäftsmodell gab es schon einmal, es nannte sich “Mainframe”. Egal, ob der irgendwo in einer Halle stand, oder bei einem selbst, er gehörte meist dem Hersteller und wurde gemietet. Es waren durchaus mehr Prozessoren drin, als man gemietet hat, was aber auch hieß, dass man bei Bedarf mit wenig Aufwand zusätzliche Leistung freischalten lassen konnte. Gut, wenn man im Weihnachtsgeschäft etwas mehr abzurechnen hatte.
Es hatte Gründe, warum das Personal Computing auch im Büroumfeld so populär wurde: die Kosten sind planbarer (wer in der “Cloud” schon mal versehentlich doppelt so viel bezahlt hat wie üblich, oder sich über 50% Preiserhöhung freuen durfte, kennt den Schmerz) und die Nutzung ist privater.
Die Struktur “ein Produkt, dass zu komplex ist, um es selbst zu bauen, zu resourcenintensiv, um es zu replizieren und geeignet, eine geistige Abhängigkeit zu schaffen, als Mietprodukt” ist der Jackpot für Firmen, die eigene Software in eigenen Rechenzentren laufen lassen und als Produkt anbieten: Wenn die Kundschaft im Boot ist, geht es nur noch ganz schwer raus. Die Kundenbindung durch eine Apple ID (oder Google Play Konto, Amazon Prime oder welches andere “Ökosystem” auch immer) zu durchbrechen, ist ein Kinderspiel dagegen.
Von daher: derzeit zweifelhafter Nutzen, Zweifel daran, ob das jemals besser wird (worauf ich nicht groß eingegangen bin, dazu gibt es schon genug), Zweifel daran, dass das jemals aufhört “Großrechneranlagen” zu brauchen (wie es damals™ hieß), Zweifel daran, ob es der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zuträglich ist.
Kurz gesagt: K"I", Nein Danke!